Selbständig und (trotzdem) entspannt: Tipps zur Work-Life-Balance als Freelancer

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Ein klassisches Gruselszenario für Selbständige: Der beste Kunde ruft eine Woche vor Ablauf der Deadline an und möchte den Termin nun doch gerne um vier Tage vorziehen. Leider sind solche Geschichten keine Seltenheit für freie Medienschaffende. Die folgende Tipps und weiterführenden Links helfen Dir trotzdem einen kühlen Kopf zu bewahren.

von Eike Baur

Ich bin seit Jahren als Selbständiger in der Berliner Medienbranche unterwegs und habe mich in dieser Zeit viel mit der Frage beschäftigt, wie ich Arbeit und Privates möglichst stressfrei vereinbaren kann. So viel, dass ich auch meine Bachelor-Arbeit diesem Thema gewidmet habe. Hier möchte ich Dir ein paar meiner Erkenntnisse vorstellen.

1. Arbeite nicht zu viel (ja, das muss man extra sagen)

Zeit ist Geld – diese Gleichung kennt jeder. Aber selbst wenn man zu den Glücklichen gehört, die ihren Job aus Leidenschaft machen: Zeit, die man zur freien Verfügung hat, fühlt sich einfach besser an als solche, in der man für jemand anderen arbeitet. Übrigens: Letzteres tun auch die allermeisten Selbständigen! Hier heißt der Chef eben nur Auftraggeber oder Kunde …
Trotzdem arbeiten Freelancer in Deutschland beachtliche 48 Stunden pro Woche. Noch extremer wirkt diese Zahl, wenn man sie mit der Arbeitszeit deutscher Festangestellter vergleicht: 32 Wochenstunden. Der Spruch „Selbständig heißt selbst und ständig“ ist also keineswegs aus der Luft gegriffen.
Das Gute daran: Du hast es selbst in der Hand! Auch wenn viele „Freie“ anscheinend eine Tendenz zur Selbstausbeutung haben, musst Du ja nicht mitmachen. Denk daran: Am Ende wirst Du Dich sicher nicht an die Nächte vor dem Bildschirm erinnern, sondern an die, die Du mit Freunden durchgefeiert hast.

2. Damit der erste Punkt gelingt: Lerne, realistisch zu planen

Tausend Mal gehört, tausend Mal ist nix passiert – so dürfte es vielen Selbständigen mit diesem Tipp gehen. Aber: Wirklich zu wissen, wie viel Zeit oder Geld Du wofür brauchst, führt zu einem entspannteren Freelancer-Dasein. Wichtig dabei: Denke neben der reinen Arbeitszeit auch an den Verwaltungsaufwand! Rechnungen schreiben, Steuererklärungen machen, sich mit der deutschen Bürokratie beschäftigen, neue Kunden akquirieren, Termine vereinbaren …
Glücklicherweise gibt es für viele dieser Aufgaben elektronische Helferlein. Ich persönlich benutze für meine Terminplanung den Apple-Kalender, meine To-Dos zur Projektplanung schreibe ich mit OmniFocus und das Finanztracking erledige ich mit CashTrails.

Projektplanung mit OmniFocus

Projektplanung mit OmniFocus

3. Lerne, “Nein” zu sagen

Ein weiterer Vorteile der Selbständigkeit: Keiner zwingt Dich, einen bestimmten Auftrag anzunehmen. Es ist im Gegenteil sogar ein Anhaltspunkt für eine verbotene Scheinselbständigkeit, wenn Du (wie ein Angestellter) Weisungen Deines Auftraggebers befolgen musst. Wenn Du also eigentlich keine Lust oder keine Zeit für ein Projekt hast: Trau Dich, abzulehnen – Menschen mit klarem Standpunkt werden geschätzt!
Vorbild gefällig? Dann lies die Erzählung „Bartleby der Schreiber“ von Hermann Melville. Der Wahlspruch der Hauptfigur ist „Ich möchte lieber nicht“. Empfehlenswert sind auch die Diskussionsabende seiner modernen Anhänger in Berlin, dem Haus Bartleby.

4. Nimm auch schlechter bezahlte, aber außergewöhnliche Jobs an

Versteh mich nicht falsch: Für 10 Euro pro Stunde Kinofilme zu vertonen ist kein „Freundschaftsdienst“, sondern eher sittenwidrig. Gute Arbeit muss auch ordentlich bezahlt werden, die Mittel dafür sind in der Regel vorhanden. Wenn aber eine Freundin Dich fragt, ob Du für wenig Geld den Ton für ihr erstes Balkan-Roadmovie machen kannst, überleg nicht lange!
Bau Dir mehrere Standbeine auf, davon mindestens einen „Brot und Butter“-Job. Der ermöglicht es Dir nämlich, die wirklich coolen Aufträge anzunehmen! Auf seinem Blog Wireless Life berichtet Sebastian Kühn über sich und andere Menschen, die so die Welt bereisen. Lass Dich inspirieren …

5. Trenne Arbeit und Privates. Wirklich.

Der Vorteil an Handys: Wir sind immer erreichbar. Der Nachteil an Handys: Wir sind immer erreichbar. Wenn Du also nicht noch mehr zum Sklaven eines vibrierenden Plastikblocks werden willst, hol Dir eine Extra-Handynummer für Kunden. So kannst Du abends auf dem Sofa auch einfach mal die Arbeit abschalten.
Auch auf anderen Gebieten ist das eine gute Idee: Räumlich (Stichwort Coworking-Space), beim Konto und der E-Mail-Adresse. OK, die privaten und die Arbeits-Mails kommen ohnehin wieder auf einem Gerät an. Deshalb: Zieh in Deinem Kopf klare Grenzen. Frag Dich, ob Du wirklich um 17:55 Uhr noch diese „WICHTIGE!!“ Mail beantworten muss, oder ob Dein Kunde da nicht eh schon auf seinem Sofa sitzt …

Akkurat getrennte Lebensbereiche?

Akkurat getrennte Lebensbereiche? (Bild: kallejipp / photocase.de)

6. Lass Dich nicht beeindrucken: Jeder hat mal angefangen!

Vergiss nicht: Die Produktion des ersten Nirvana-Albums hat 600 $ gekostet. Das zweite war „Nevermind“. Also bleib am Ball, vertrau auf Deine Fähigkeiten und vor allem: Sei neugierig und umgänglich!

Du willst Deepness?

Wie erwähnt, habe ich mich in meiner Bachelor-Thesis ausführlich mit dem Thema Work-Life-Balance als Freelancer beschäftigt. Wenn Du wissen willst, wie die Teilnehmer meiner Studie Arbeit und Privates unter einen Hut kriegen, kannst Du die Arbeit hier runterladen.
Weniger wissenschaftlich, aber unterhaltsamer geht es Tom Hodgkinson in seinem Buch „Anleitung zum Müßiggang“ an: Er lobt unter anderem die Vorzüge eines gepflegten Suffschädels und zeigt, dass der moderne Arbeitsbegriff kein Naturgesetz ist. Wenn Du nach der Lektüre dieses Buches nicht entspannter zum Thema Arbeit stehst, gebe ich Dir ein Bier aus.

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Eike BaurÜber den Autor:
Eike Baur, 27, lebt und arbeitet seit 2009 als selbständiger Audio-Dienstleister in Berlin, meist in der Postproduktion.
Gedanken über die eigene Work-Life-Balance motivierten ihn, sie zum Thema seiner Bachelor-Arbeit zu machen. 2013 schloss er sein Studium am SAE Institute Berlin mit dem Bachelor of Arts – Audio Production ab.

Website: http://eike-baur.de
Blog: http://atrailspinion.net
Twitter: http://twitter.com/atrailspinion

Text & Bild: Eike Baur

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